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Der Tontlawald

Aktualisiert: 10. Okt. 2025

Vor langer Zeit gab es in Estland einen schönen Hain, der Tontlawald hiess. Kein Mensch wollte ihn aber betreten, denn man erzählte Unheimliches über den Wald. Unter dichten Bäumen soll ein verfallenes Haus stehen dort soll es menschenähnliche Wesen geben, die seien russig und zerlumpt. Ein altes Weib habe einen breiten eisernen Schöpflöffel in der Hand, mit welchem sie von Zeit zu Zeit die glühende Asche über den Rasen hinstreute, worauf die Kinder mit Geschrei durch die Luft fiögen wie Nachteulen. Auch von einem kleinen bärtigen Mann mit einem Sack auf dem Rücken und einer schwarzen Katze, so gross wie ein Fohlen mit glühenden Augen wurde erzählt. Aber man sah nie Rauch aufsteigen und kein Weg führte in den Wald hinein und heraus.

Der König hatte mehr als einmal befohlen, den gefürchteten Wald zu fällen, aber kein Holzfäller wollte das wagen, auch wenn man ihm viel Geld bot. Man erzählte sich nämlich auch, dass aus gefällten Bäumen Blut fliesst und ein qualvoller Jammergeschrei ertönt, so als wären die Bäume lebendig.

Nicht weit entfernt vom Tontlawalde lag ein grosses Dorf. Da wohnte auch ein Bauer dessen Frau gestorben war. Er hatte sich deshalb wieder eine junge Frau genommen Doch leider war diese Frau sehr unzufrieden und sie schimpfte und stritt den ganzen Tag und plagte die kleine Stieftocher Else den ganzen Tag. Sie gab ihr schlechteres Essen als dem Hund, puffte und knuffte das Kind vom Morgen bis zum Abend. Der Vater konnte ihr nicht helfen, denn auch er wurde von seiner neuen Frau geschlagen, wenn er ihr widersparch. Oft musste Else weinen, seit die neue Frau im Haus war.

Eines Sonntags ging Else mit den andern Dorfkindern Beeren zu pflücken. Dabei kamen sie nah an den Rand des Tontlawaldes weil da sehr schöne Erdbeeren wuchsen. Die Kinder assen von den süssen Beeren und pflückten noch soviel in ihre Körbchen, als jedes konnte. Plötzlich rief ein älterer Junge: »Achtung! Wir sind im Tontlawald! Flieht!« Da rannten alle Kinder schnell davon, wie wenn sie bereits von den Tontla-Geistern gejagt würden.

Else, war etwas weiter gegangen war als die Andern weil sie unter den Bäumen sehr schöne Beeren gefunden hatte. Sie hörte das Rufen des Jungen, wollte aber nur noch ein paar Beeren ernten. Sie dachte: Die Tontla-Bewohner können doch nicht schlimmer sein als meine Stiefmutter daheim.

Da kam ein kleiner schwarzer Hund. Er hatte ein silbernes Glöcklein um den Hals bellte laut. Und hinter ihm her lief ein kleines Mädchen in prächtigen seidenen Kleidern und sagte zur Else: »Sehr gut, dass du nicht mit den andern Kindern weggelaufen bist. Wir könnten zusammen spielen und Beeren pflücken. Ich muss nur noch meine Mutter fragen. « Damit nahm das prächtige fremde Kind Else bei der Hand und führte sie tiefer in den Wald hinein. Der kleine schwarze Hund bellte jetzt vor Vergnügen, sprang an Elsen herauf und leckte ihr die Hand, als wären sie alte Bekannte.

Ach du liebe Zeit, was für Wunder und Herrlichkeit tauchten jetzt vor Else's Augen auf: Ein prächtiger Garten, mit Obstbäumen und Beerensträuchern angefüllt, stand vor ihnen; auf den Zweigen der Bäume sassen Vögel, bunter als die schönsten Schmetterlinge, manche mit Gold- und Silberfedern bedeckt. Und die Vögel waren nicht scheu, die Kinder konnten sie nach Belieben in die Hand nehmen.

Mitten im Garten stand das Wohnhaus. Es war aus Glas und Edelsteinen gebaut, seine Wände und Dach glänzten wie die Sonne.

Eine wunderschön angezogene Frau sass vor der Tür auf einer Bank und fragte die Tochter: »Was bringst du da für einen Gast?« Die Tochter antwortete: »Ich fand sie allein im Walde möchte gerne mit ihr spielen« Die Mutter lächelte und fragte Else freundlich: "Wo wohnst du mein Kind? Werden deine Eltern dich nicht suchen, wenn du hier bist?“

"Ach", antwortete Else traurig, "Meine Mutter ist gestorben, und meine Stiefmutter hasst mich schlägt mich den ganzen Tag. Bitte, lass mich hier bleiben."

Die Frau lächelte und sagte: »Ich werde mal schauen, was sich machen lässt.« Sie ging ins Haus, und die Tocher folgte ihr.

Nach einer Weile kam das Mädchen mit einem Schächtelchen in der Hand zurück und sagte: »Du darfst heue hierbleiben und mir mir spielen. Wollen wir mit einem Boot auf dem Meer fahren? Else machte grosse Augen und fragte dann: »Auf dem Meer? Hier ist doch weit und breit kein Meer!?.« »Du wirst es gleich sehen,« antwortete das Mädchen und nahm den Deckel vom Schächtelchen. Da lagen ein Frauenmantel-Blatt mit einem Tautropfen, eine Muschelschale und zwei Fischgräten. Es nahm das Blatt und liess den Wassertropfen auf den Boden fallen. Augenblicklich waren Garten, Rasen und was sonst noch da gestanden hatte, verschwunden und überall bis zum Horizont war Wasser . Nur unter ihren Füssen war ein kleiner Fleck trocken geblieben. Jetzt setzte das Mädchen die Muschelschale auf's Wasser. Sie wurde zu einem schönen Boot. Die beiden Fischgräten zu Rudern. Die Kinder setzten sich in das Boot und liessen sich von den Wellen schaukeln, wie in einer Wiege. Nach und nach kamen andere Boote in ihre Nähe, in jedem sassen Menschen, die sangen und fröhlich waren. Sie sangen in einer fremden Sprache und Else konnte nichts verstehen, Ein Wort kehrte immer wieder, nämlich »Kiisike» Else fragte, was es bedeute, und das Mädchen antwortete: »Das ist mein Name. Wir müssen ihren Gesang beantworten.« Else kam kein Lied in den Sinn. Um so schöner sang Kiisike.

Nach einer schönen Weile hörten sie rufen: »Kinder, kommt nach Hause, es wird Abend.« Kiisike nahm ihr Schächtelchen aus der Tasche und tauchte es in's Wasser. Augenblicklich waren sie in der Nähe des prächtigen Hauses, mitten im Garten, das Wasser war verschwunden. Die Muschelschale und die Fischgräten wurden zu dem dem Blatt in's Schächtelchen gelegt, und die Kinder gingen in's Haus.

In einem grossen Raum sassen um einen Tisch vierundzwanzig Frauen, alle in prächtigen Kleidern. Es wurde leise gesprochen in dieser fremden Sprache, von der Else kein Wort verstand. Oben am Tisch sass die Herrin auf einem goldenen Stuhl. Else wusste nicht, wohin schauen. Alles war so herrlich!

Auf dem Tisch standen dreizehn Gerichte, alle in goldenen und silbernen Schüsseln. Sie assen von den köstlichen Speisen, die noch besser schmeckten als Kuchen. Es kam Else vor, als müsste sie im Himmel sein.

Eine Schüssel blieb unberührt. Niemand ass von ihr und sie wurde abgetragen, ohne dass man auch nur den Deckel abgenommen hat.

Dann liess die Herrin von einer Magd einen alten Mann holen. Sein Bart war länger als er selber. Die Herrin wandte sich zu Else und frage: "Möchtest du für immer hier bleiben?" Else schossen die Tränen in die Augen und sie sagte: Oh ja, das würde ich mir so sehr wünschen". Die Herrin streichelte ihr den Kopf und sagte: »Wenn du immer ein folgsames gutes Kind bleibst, so wird es dir gut gehen. Ich will für dich sorgen und dir allen nötigen Unterricht geben lassen, bis du erwachsen bist und für dich selbst sorgen kannst.

«Dann drehte sich die Herrin zum alten Mann um und sagte: Du musst mir ein Abbild von Else machen. Der Alte sah Else scharf an, als wolle er das Maass nehmen und ging dann raus.

Nach einem Weilchen kam der Alte zurück mit Lehm und einem kleinen Körbchen. Er nahm ein Stück Lehm und machte daraus eine Puppe, die genau aussah wie Else. In den Leib, der hohl geblieben war, legte der Alte drei gesalzene Fische und ein Stückchen Brot. Dann machte er in der Brust der Puppe ein Loch, nahm aus dem Korb eine schwarze Schlange und liess sie durch das Loch hineinkriechen. Dann sagte der Alte: »Jetzt brauchen wir noch ein Tröpflein von dem Blute des Bauermädchens.« Else wurde blass vor Schrecken, aber die Frau tröstete sie »Hab keine Angst! Wir wollen dein Blut nicht zu etwas Bösem sondern nur zu etwas Gutem und für dein Glück.« Dann nahm sie eine kleine goldene Nadel, stach damit in Elses Arm. Der Alte steckte sie in das Herz der Puppe. Er legte die Puppe in den Korb, damit sie darin wachsen kann.

Bald gingen alle schlafen. Else erhielt ein eigenes Zimmer mit einem weichen seidigen Bett.

Als sie am andern Morgenaufwachte, fand sie auf dem Stuhl wunderschöne, feine Kleider. Else wusch sich und zog sich an. Es gab sogar Schuhe, so wunderschön, dass bestimmt nicht mal die Königin schönere hatte. Die Bauernkleider, die sie mitgebracht hatte, waren in der Nacht fortgenommen worden, sie waren der Lehmpuppe angelegt worden

Im Esssaal sah Elde, dass die Puppe über Nacht gewachsen war und nun ganz genau wie sie selber aussah. Else erschrack aber die Frau beruhigte sie und erklärte: »Diese Puppe wird für dich zu deiner Stiefmutter zurückgehen. Sie kann sie schlagen, so viel sie will, sie spürt keinen Schmerz.«

Von diesem Tage an lebte Else sehr glücklich und ohne Sorgen. Das Lernen fiel ihr von Tag zu Tage leichter. Und jeden Tag geschahen neue Wunder. Auf dem Hof stand zum Beispiel ein Granitblock. Wenn es Zeit zum Essen war, ging der Alte mit dem langen Bart zum Block, und klopfte damit dreimal auf den Stein. Dann sprang ein grosser goldener Hahn heraus und setzte sich auf den Block. Der Hahn schlug mit den Flügeln und krähte, und jedesmal kam aus dem Block etwas hervor. Zuerst ein langer Tisch, auf dem für jede Person ein Teller stand. Der Tisch ging von selbst in's Haus. Wenn der Hahn zum zweiten Male krähte, kamen Stühle und gingen dem Tisch nach. Danach Schüsseln voll mit den besten Speisen. Alles sprang aus dem Block heraus und flog von selber zum Esstisch. Wenn alle satt waren, klopfte der Alte zum zweiten Male mit dem Silberstäbchen an den Block, der goldene Hahn krähte, und Flaschen, Schüsseln, Teller, Stühle und Tisch flogen wieder in den Block hinein. Aus der dreizehnten Schüssel wurde niemals gegessen. Wenn sie zurück flog, lief ihr eine grosse schwarze Katze hinterher, und blieb auf dem Block neben dem Hahn. Der Alte nahm die Schüssel in die Hand, die Katze in den Arm und den goldenen Hahn auf die Schulter, und verschwand mit ihnen unter dem Block.

Nicht nur Essen und Getränke, sondern auch alles andere, was die Menschen aus dem Wald brauchten, kam aus dem Block hervor. Auch die wunderschönen Kleider, die Else jeden Tag tragen durfte.

Mit den Jahren lernte Else die Sprache ihrer Gefährtinnen verstehen und sprechen. Einmal fragte Else die Herrin, warum die dreizehnte Schüssel täglich auf den Tisch kommt, wenn doch Niemand daraus esse. Die Herrin antwortete »Schau, liebes Kind, das ist die Schüssel mit dem verborgenen Segen. Wir dürfen sie nicht anrühren, sonst wäre unser glückliches Leben zu Ende. Auch mit den Menschen würde es auf dieser Welt viel besser stehn, wenn sie nicht so gierig alle Gaben an sich rissen, ohne dem himmlischen Wesen etwas zum Dank zu geben. Gier ist der grösste Fehler der Menschen!«

Die Jahre vergingen schnell. Else wurde eine junge, hübsche Frau und hatte viele gelernt, was , sie war zur blühenden Jungfrau herangewachsen und hatte Vieles gelernt. Kiisike aber war immer noch dasselbe kleine Kind wie ersten Tag. Sie interessierte sich auch immer noch mehr für Spiele wie für nützliche Beschäftigung. Manchmal sagte sie zu Else: »Schade, dass du so gross geworden bist, du kannst nun nicht mehr mit mir spielen.«

Als neun Jahre verflossen waren, liess die Herrin eines Abends Else in ihr Schlafzimmer rufen. Else wunderte sich darüber, denn um diese Zeit hatte die Frau sie noch nie zu sich kommen lassen. Als sie über die Schwelle trat, sah sie, dass die Herrin geweint hatte. »Liebes Pflegkind,« begann die Frau, »die Zeit ist gekommen, wo wir und trennen müssen.« »Trennen?« rief Else schluchzend. »Nein, liebe Frau, bitte schickt mich nicht weg!« Die Herrin sagte beschwichtigend: »Kind, sei ruhig! Du weisst ja noch gar nicht, welches Glück dich erwartet. Du bist herangewachsen und ich darf dich hier nicht länger hier behalten. Du musst wieder unter Menschen gehen. Aber Else schluchzte: Ich möchte kein anderes Glück als bei euch zu leben und zu sterben. Macht mich zur Stubenmagd oder gebt mir irgendeine andere Arbeit, aber schickt mich nicht fort in die weite Welt.« »Still, liebes Kind!« sagte die Herrin — »Du siehst doch, dass es mich auch schmerzt. Aber alles muss so sein, wie ich es mache. Mekst du denn nicht, dass du die einzige hier bist, die älter wird. Wir Bewohner dieses Waldes sind anders, sind höhere Wesen. Wir sehen nur aus wie Menschen. Du wirst in der Ferne einen lieben Mann finden, der für dich geschaffen ist, und wirst glücklich mit ihm sein, bis ans Ende eures Lebens. Die Trennung von dir ist für mich nicht leicht, aber es muss sein. Und darum kannst du ruhig bleiben und vertrauen.«

Sie kämmte mit ihrem goldenen Kamm Elsens Haar ein letztes Mal und schickte sie dann ins Bett. Aber wie sollte die arme Else in dieser Nacht einschlafen können? Das Leben kam ihr vor wie ein dunkler sternenloser Nachthimmel.

In der gleichen Zeit wurde im alten Zuhause von Else die Stiefmutter wieder einmal so richtig wütend und quälte die Lehmtocher grausamer als sowieso schon die ganze Zeit. Der falschen Else aus Lehm schadete das nicht, weil ihr Körper keine Schmerzen spürte. Diesmal war es besonders schlimm. Sie packte wütend die Lehm-Else und wollte sie erwürgen. Da schoss plötzlich eine schwarze Schlange zischend aus dem Mund von Else und biss die Stiefmutter in die Zunge, so dass sie tot umfiel.

Als der Vater am Abend nach Hause kam, fand er die tote Frau dick aufgeschwollen am Boden liegen; die Tochter war nirgends zu finden.

Der Körper der toten Frau wurde nun gewaschen und gekleidet und der Vater liess die Totenwächter kommen.

Der müde Mann ging in seine Kammer, um zu ruhen. Er war wohl froh, diese böse Frau los zu sein, die auch ihn oft geschlagen hatte, wenn er seiner Tocher zu Hilfe kommen wollte. Auf dem Tisch fand er drei gesalzene Fische und einen Bissen Brot. Er ass beides und legte sich schlafen. Am andern Morgen wurde er tot gefunden und mit seiner Frau zusammen begraben.

Die richtige Else hatte die ganze Nacht geweint und keinen Schlaf gefunden. Am Morgen steckte ihr die Herrin einen goldenen Ring an den Finger und hängte ihr eine kleine goldene Schachtel an einem seidenen Band um den Hals. Dann rief sie den Alten, zeigte mit der Hand auf Else, und verabschiedete sich traurig. Als Else der guten Herrin danken wollte, tippte der Alte dreimal mit dem Silberstäbchen auf Elses Kopf. Else verwandelte sich in einen Adler und wurde vom Wind davon getragen.

Wie flog gegen Süden, mehrere Tage lang, und wurde nie hungrig. Eines Tages schwebte sie über einem kleinen Wald. Jagdhunde bellten sie an, aber Hunde können ja zum Glück nicht fliegen. Plötzlich spürte sie wie ihr Gefieder von einem scharfen Pfeil durchbohrt wurde und fiel zu Boden. Vor Schreck war sie ohnmächtig geworden.

Als Else aus ihrer Ohnmacht erwachte, war sie wieder eine junge Frau. Da kam ein stolzer junger Königssohn daher geritten, sprang vom Pferd und half Else beim Aufstehen. ER sagte: »Zum Glück bin ich heute Morgen ausgeritten! Ich habe nämlich schon ein halbes Jahr jede Nacht von euch geträumt, aber euch nie gefunden, obwohl ich euch oft gesucht habe. Heute schoss ich einen grossen Adler, der hierher gefallen sein musste. Ich ging der erlegten Beute nach und fand statt des Adlers — euch.«

Er half Else auf's Pferd und ritt mit ihr zur Stadt, wo der alte König sie freudig empfing. Einige Tage später wollten sie heiraten, und es wurde eine prachtvolle Hochzeit gefeiert. Am Morgen des Hochzeitstages kamen fünfzig Wagen mit Kostbarkeiten an. Die liebe Pflegemutter hatte sie als Hochzeitsgeschenk geschickt. Nach dem Tod des alten Königs wurde Else und ihr Mann Else König und Königin. Else erzählte manchmal, welch wunderbare Dinge sie im Tontlawald erlebt hat. Aber den Tontlawald hat man seitdem nicht mehr gesehen.

Ein esthnisches Märchen nach Friedrich Kreutzwald



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